Am Meer ist’s am schönsten…

Ich sende euch liebe Grüße vom Weststrand, der zwischen Ahrenshoop und Prerow (Fischland-Darß) liegt. Es war recht frisch heute mit ca. 11°C, aber die Sonne hat uns schön gewärmt.

Außerdem haben wir bei der Bäckerei Hagedorn in Ahrenshoop eine Pause eingelegt, übrigens ein echter Geheimtipp. Dort gibt es leckeren Kuchen und Kaffee für moderate Preise. Und auch noch einen kleinen Teich mit Kois.

Dieser hübsche Kater hat uns dort freundlich empfangen. Ich 💕 rote Kater…

Liebe Grüße, Susanne

Text und Fotos: Susanne Sommerfeld

Markttag (Kurzgeschichte)

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Leseratte Liesel von Steiff*

Markttag

Ida konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so kalten Winter erlebt zu haben. Sie war dankbar für den Wollschal, auch wenn dieser unangenehm am Hals kratzte. Er schützte sie vor dem eisigen Wind. Da sie keine Handschuhe besaß, vergrub sie die Hände in den Taschen ihres Mantels, den bereits ihre Mutter als Kind getragen hatte. Ida hegte den Verdacht, dass er sogar schon ihrer Großmutter gehört hatte, so fadenscheinig wie der Stoff an einigen Stellen war. Doch sie jammerte nicht darüber. Sie hatte es nicht einmal gewagt, sich zu beschweren, als sie an einem eisigen Januartag ohne Strümpfe den Weg zum Markt zurücklegen musste. Seit der Vater gestorben war, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Das war auch der Grund, warum Ida nicht mehr die Schule besuchte. Ihre Mutter war den ganzen Tag daheim bei den kleinen Geschwistern und Ida war dafür zuständig, Geld hereinzubringen.

Heute war Markttag in der großen Stadt und viele Menschen strömten dorthin. Die meisten kamen aus den umliegenden Dörfern, um den Städtern ihre Waren anzubieten. Ida freute sich über das emsige Treiben und die Möglichkeit, der engen Hütte ihrer Familie wenigstens für einige Stunden zu entkommen. Die Menschen waren ganz anders als in ihrem Dorf. Das Leben schien bequemer zu sein. Aber wenn man genau hinschaute, gab es hier genauso viel Armut. Die Armen wurden einfach an den Rand der Stadt gedrängt, wo sie das Bild des geputzten Marktplatzes nicht störten.

Ida trat an ein Feuer, um das sich bereits einige Obdachlose geschart hatten. Vorsichtig streckte sie ihre Hände nach der Wärme aus und seufzte.

„Na, Mädchen, was treibt dich in die Stadt? Das ist doch kein Platz für ein anständiges Kind.“

Die alte Frau betrachtete Ida neugierig. Ihre Finger waren verkrüppelt und das Gesicht von zahlreichen Falten durchzogen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber sauber.

„Ich bin aus dem Nachbardorf und bringe Eier und Fleisch auf den Markt.“

Die Alte leckte sich über die Lippen. Ida ahnte, welchen Hunger sie haben musste. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie das Wenige, was sie zu verkaufen hatten, an fremde Menschen verschenkte, würde sie ihr eine Tracht Prügel erteilen. Ida griff in ihre Tasche und gab der alten Frau zwei Eier. Sie konnte nicht anders.

„Aber nicht doch, Kindchen. Das kann ich nicht annehmen“, sagte die Alte. Gleichzeitig steckte sie die Eier in ihre Schürzentasche.

„Feuer! Feuer!“

Ida fuhr herum und starrte verwirrt auf das Bild, das sich ihr bot. Aus dem Dachstuhl der Fischfabrik unten am Ufer des Flusses schlugen Flammen und schwarzer Qualm drang aus den Fenstern. Schreiende Menschen flüchteten aus dem Gebäude. Ein Mann, dessen Kleidung Feuer gefangen hatte, wälzte sich im Schnee. Einige Menschen hatten sich mit Eimern bewaffnet, die sie immer wieder unten am Fluss auffüllten.

„Oh, du meine Güte!“, wimmerte die alte Frau. „Mein Enkel! Mein Jacob!“

„Aber was ist denn?“, fragte Ida.

„Der arbeitet dort unten“, mischte sich einer der Obdachlosen ein.

Ida reichte der alten Frau ihre Tasche und eilte hinunter zum Fabrikgebäude. Mehrmals rutschte sie auf dem vereisten Boden aus, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Das Gebäude brannte bereits zur Hälfte. Die Helfer hatten mittlerweile eine Kette bis zum Flussufer hinunter gebildet und reichten eifrig Wassereimer für Wassereimer weiter.

„Hat einer von euch Jacob gesehen?“

Ida rannte von einem Mann zum nächsten, aber diese beachteten sie entweder gar nicht oder schüttelten nur kurz den Kopf.

„Jacob! Jacob! Wo bist du?“

Ida hastete auf den Gebäudeeingang zu.

„Bist du verrückt, Mädchen? Du wirst doch nicht etwa dort hineinlaufen wollen?“

Ida blieb stehen und drehte sich um. Einer der Fabrikarbeiter stand hinter ihr und blickte sie verständnislos an. Sein Gesicht war schwarz verfärbt vom Rauch, an den Händen hatte er einige Brandblasen.

„Dort kommt keiner mehr raus.“

„Aber ich suche Jacob. Haben Sie ihn gesehen?“

Als der Mann ihr nicht antwortete, drehte sich Ida zurück und rannte in den Hausflur hinein. Sie hörte noch, wie der Mann ihr etwas hinterherrief, dann war sie schon von beißendem Qualm umgeben. Hustend zog sie ihren Schal vor das Gesicht.

„Jacob! Jacob!“, schrie sie immer wieder, auch wenn der Qualm ihr die Luft nahm. Lange würde sie es hier drin nicht aushalten. Sie wusste, dass dieser Rauch giftig war und sie das Leben kosten konnte. Doch sie wollte es wenigstens versucht haben. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gemacht. Sie war kein mutiger Mensch. Sie hätte nicht sagen können, warum sie wegen eines ihr unbekannten Mannes solch ein Risiko auf sich nahm. Es war wie ein innerer Drang, der sie vorwärts zwang. Plötzlich hörte sie ein Stöhnen, das in ein bellendes Husten überging. In einer Ecke wälzte sich ein Mann auf dem Boden. Sie sah, dass sein linkes Bein stark blutete.

„Jacob?“

Der junge Mann öffnete die Augen und blickte sie an. Ida konnte kaum glauben, wie blau diese Augen waren. Ihr wurde schwindlig.

„Ich helfe dir. Komm hoch, ich stütze dich“, sagte sie.

„Ich kann nicht … Schmerzen … zu groß …“

„Jacob, hör zu. Wir müssen hier schnell raus. Das Feuer breitet sich immer weiter aus.“

„Wer bist du?“

Doch Ida antwortete ihm nicht. Stattdessen zog sie ihn mühsam hoch und stützte ihn, während er auf einem Bein neben ihr her hüpfte. Hinter sich hörte sie bereits Dachbalken einstürzen. Das Feuer zischte und fauchte wie ein wütender Drache.

Als sie es endlich geschafft hatten, das Gebäude zu verlassen, ließ Ida Jacob zu Boden gleiten. Erschöpft setzte sie sich neben ihn. Sofort scharten sich die Schaulustigen um sie.

„Lasst mich durch. Ich kann helfen.“

Eine Hand legte sich auf Idas Schulter. Ein älterer Mann beugte sich zu ihr und stellte eine Arzttasche in den Schnee.

„Geht es dir gut?“

Ida nickte kraftlos und wies auf Jacob.

„Er braucht Hilfe. Sein Bein ist verletzt.“

Ida stand auf und lief zum Flussufer. Sie schaute hinüber zu der großen Stadt, die sich hinter dunstigem Nebel zu verstecken versuchte. Der Wind pfiff unerbittlich und sie zog den nach Rauch stinkenden Schal enger um ihren Hals. Der Markttag war vorbei. Ida hatte keine Möglichkeit, die Eier und das Fleisch noch zu einem anständigen Preis zu verkaufen. Da konnte sie es auch gleich an die Obdachlosen verschenken. Was aber würde ihre Mutter heute Abend sagen, wenn sie bemerkte, dass Ida keinen einzigen Franken heimgebracht hatte?

Der Arzt hatte Jacobs Bein geschient und verbunden. Jacob lag auf einem Schlitten unter wärmenden Decken. Dennoch schlotterte er am ganzen Körper.

„Keine Angst, junge Dame. Das ist der Schock. Er wird wieder gesund. Das hat er allein Ihnen zu verdanken“, sagte der Arzt und reichte ihr die Hand zum Abschied.

„Wo bringen Sie ihn denn hin?“, fragte Ida.

„Ins Lazarett am Rande der Stadt. Sein Bein braucht jetzt Ruhe, damit es wieder heilt. Dann wird er hoffentlich wieder genauso laufen können wie vorher.“

„Danke“, flüsterte Jacob und streckte den Arm in Idas Richtung.

Ida nahm seine Hand in ihre. Erneut war sie fasziniert von der Farbe seiner Augen.

„Wie heißt du?“

„Ida, ich heiße Ida.“

Der Schlitten setzte sich in Gang und Ida war gezwungen, Jacobs Hand loslassen.

„Wir sehen uns wieder, Ida.“

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

* Diese putzige Leseratte von Steiff namens Liesel ist ein Sonderexemplar zum 100. Geburtstag von Thalia und begleitet mich ab sofort durch den Blog, wenn es um Beiträge zu Büchern oder um meine bescheidenen Schreibversuche geht.

Prinzesschen und das Osterfest

Prinzesschen saß auf ihrem Lieblingsplatz, der Fensterbank in der Küche. Sehnsüchtig schaute sie in den Garten. Der Schnee war vor einigen Tagen endgültig geschmolzen und die ersten Schneeglöckchen begrüßten zaghaft den Frühling. Herr Mayer holte gerade die Morgenzeitung aus dem Briefkasten.
„Schau mal, Prinzesschen, welch herrliches Wetter heute ist“, rief er ihr vom Flur aus zu.
Prinzesschen lief ihm entgegen und sah, dass die Haustür noch immer offen stand. Herr Mayer lachte und zeigte mit dem Finger nach draußen.
„Geh doch mal raus und genieße die frische Luft. Aber pass mir mit der Straße auf.“
Dann scheuchte er sie förmlich aus dem Haus. Er konnte ja nicht ahnen, dass Prinzesschen längst wusste, wie es dort draußen aussah. Ihren Ausflug mit dem Weihnachtsmann und seinen Rentieren hatte sie nicht vergessen.

Erschrocken fauchte der rote Nachbarskater sie an, als sie auf einmal neben ihm am Vogelhaus auftauchte.
„Mit mir hast du nicht gerechnet, was?“
Da der Kater nicht antwortete, stellte sie ihm die nächste Frage: „Wie heißt du eigentlich?“
Er schaute recht verdattert, brachte dann aber stotternd hervor: „A… A… Anton. Bist du nicht Prinzesschen? Seit wann darfst du denn raus?“
„Das ist mein erster Tag. Magst du mir nicht ein wenig die Gegend zeigen?“

Und so kam es, dass Prinzesschen und Anton den ganzen Vormittag durch die Siedlung streiften. Anton wusste einiges über die Bewohner zu berichten. Er warnte sie auch vor Gefahren, zum Beispiel dem schlechtgelaunten Dackel in Nummer 32.
„Das Grundstück betrittst du besser gar nicht. Waldi ist nicht gut auf Katzen zu sprechen und wenn er dich erwischt, … Ach, denk besser gar nicht daran. Halte dich einfach fern von Nummer 32.“
Prinzesschen versuchte, sich alles zu merken, was Anton ihr berichtete, aber nach etlichen Gärten schwirrte ihr der Kopf. Das waren zu viele Informationen auf einmal.
„Du hör mal, Anton. Ich brauche eine Pause. Geh doch schon mal weiter. Ich lege mich hier ein wenig in die Sonne.“
„Na klar, wir sehen uns später.“
Prinzesschen sah dem Kater hinterher, der mit einiger Mühe versuchte, sein dickes Hinterteil durch eine Lücke im Gartenzaun zu quetschen. Dann legte sie sich an den Rand der schützenden Hecke und streckte die Beine von sich. Die Strahlen der Frühlingssonne wärmten ihren Pelz. Genüsslich schnurrend schloss sie die Augen. Die neu gewonnene Freiheit gefiel ihr, war aber auch anstrengend.

„Guck mal, Flitzi, die hat ja krumme Beine. Wetten, dass die nicht so schnell rennen kann wie wir?“
„Natürlich nicht, Mümmel, wie sollte sie auch? Wir können Haken schlagen. Das können diese Kratzbürsten zum Glück nicht.“
Prinzesschen wackelte mit den Ohren. Was war das für ein Gekicher? Sicher träumte sie noch. Auf einmal traf sie etwas am Kopf. Erschrocken sprang sie auf und fauchte.
„Oh, jetzt haben wir aber Angst.“
Prinzesschen blinzelte mehrmals, aber das Bild, was sich ihr bot, wollte einfach nicht verschwinden. Nur einen Meter von ihr entfernt saßen zwei Hasen und starrten sie an. Nun sah sie auch, was sie an den Kopf geworfen bekommen hatte, einen dicken Tannenzapfen. Die beiden Langohren stießen sich an, kicherten und hielten sich die Bäuche. Was waren das für alberne Wesen?
„Was gibt es denn da zu lachen?“
„Du solltest mal dein Gesicht sehen“, sagte der kleinere der beiden.
„Ja, du schaust ganz schön bedeppert aus der Wäsche“, erwiderte der andere.
Prinzesschen schnaubte und warf den Kopf in den Nacken. Sie hatte es wahrlich nicht nötig, sich von solch ein paar dahergelaufenen Hasen beleidigen zu lassen.
„Ach, nun schau einer an. Jetzt ist die Dame auch noch beleidigt. Hey, es tut uns leid. Wir haben einen harten Job und wollten auch mal unseren Spaß haben.“
„Harter Job? Was macht ihr denn?“, fragte Prinzesschen und ging einen Schritt auf die beiden zu.
„Wir sind Osterhasen. Hast du sicher schon mal gehört. Meine Freundin Flitzi und ich, Mümmel, müssen jedes Jahr dafür sorgen, dass die Kinder in den Gärten ihre Osternester gefüllt vorfinden. Sehr anstrengende Angelegenheit.“
Prinzesschen nickte beeindruckt.
„Da habt ihr ja noch einiges zu tun. Ist nicht diesen Sonntag schon Ostern?“
„Ja, pass nur auf, ob nicht auch in deinem Garten etwas zu finden ist.“
Noch bevor Prinzesschen eine weitere Frage stellen konnte, waren die beiden Hasen schon davongehoppelt.

„Na, hast du dich schön ausgeruht?“
Anton steckte den Kopf durch die Hecke und zwängte dann den Rest seines Körpers durch die Zweige.
„Du glaubst ja nicht, was ich gerade erlebt habe.“
„Hat dich das Eichhörnchen geärgert? Oder haben die Müllers ihren Kater rausgelassen?“
„Nein, viel besser. Zwei Osterhasen habe ich gesehen. Flitzi hieß der eine, Mümmel der andere.“
Anton schaute sie verdutzt an.
„Ich glaube, du hast zu lange in der Sonne gelegen. Du bist das ja auch gar nicht gewöhnt. Lass uns heimgehen.“
Auf dem Heimweg versuchte Prinzesschen erneut, Anton von ihrer Begegnung zu erzählen, der aber schüttelte nur den Kopf und schaute sie mitleidig an.
„Armes Kätzchen. Du solltest doch lieber im heimischen Garten bleiben. Zu viel Freiheit scheint dir nicht zu bekommen.“
Sie gab es auf. Anton würde ihr nicht glauben. Der Kater hatte eben keine Fantasie.

Am Morgen des Ostersonntags regnete es. Doch Prinzesschen stellte sich an die Haustür und miaute.
„Du willst wirklich bei diesem Wetter raus?“, fragte Herr Mayer.
Prinzesschen sah ihn bittend an und die Tür zur Freiheit öffnete sich. Suchend streifte sie durch den Garten, warf einen Blick unter den Rhododendron und prüfte das Vogelhaus, aber es war nichts zu sehen. Dann endlich, als sie es schon aufgeben wollte, sah sie etwas Rotes unter der Buchsbaumhecke hervorblitzen. Mit sanften Schritten näherte sie sich dem Objekt. Was dies wohl sein mochte? Sie stupste das rote Ding mit der Nase an. Ein Ei, so groß wie Franzis Tennisball, aus Plastik. Als sie es mit der Pfote anstupste, klingelte eine Glocke im Inneren. Ein Spielzeug, ganz für sie allein.

Osterhasen gibt es eben doch!

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Friedhof der Kuscheltiere (2019)

Liebe Leserinnen und Leser,

am Mittwoch haben Uta und ich das hiesige Cinemaxx besucht, um die Vorpremiere zu „Friedhof der Kuscheltiere“ anzuschauen. Ich muss zugeben, dass ich erst kurz zuvor überhaupt mitbekommen habe, dass es eine Neuverfilmung gibt, aber die durften Uta und ich als Stephen King-Fans natürlich auch nicht verpassen.

 

Das Kinoplakat war schon mal schick und so düster, wie man sich den Film auch vorstellte. Wir haben natürlich beide das Buch bereits gelesen, bei Uta war es schon ein paar Jährchen her und ich hatte vor ca. 2 Jahren erneut die Originalversion gelesen, nachdem ich als Teenie nur die deutsche Fassung kannte.

Wer den Film noch nicht gesehen hat und dies noch vor hat, den warne ich schon mal vorab. Die folgenden Absätze enthalten etliche Spoiler (inklusive Ende des Films).

Wie ich schon im Trailer gesehen hatte, weicht die Verfilmung in etlichen Details vom Buch ab.  So wird im Film nicht – wie im Buch und der älteren Verfilmung – der kleine Sohn Gage der Familie Creed von einem Truck überfahren, sondern die 9jährige Tochter Ellie. Jeté Laurence spielt ihre Rolle wirklich wunderbar und ist vor allem als vom Tod zurückgekehrtes Kind sehr überzeugend. In manchen Szenen bekam ich ihretwegen ordentlich Gänsehaut. Aber auch Kater Church – dargestellt von fünf verschiedenen Maine-Coone-Katzen – war ein überzeugender lebendiger und untoter Darsteller. Besonders gefallen aber hat mir John Lithgow in seiner Rolle als Nachbar der Familie Creed, Jud Crandall.

Ich konnte mit den meisten Abweichungen vom Buch noch ganz gut leben, auch wenn die Darstellung des Indianerfriedhofes auf mich wirkte, als wäre in diesem Gebiet eine Atombombe explodiert, nur verbranntes Land auf -zig Quadratkilometern. Der Nebel und die Geräuschkulisse hingegen fand ich passend. Leider kam auch die Erklärung etwas zu kurz, was bzw. wer denn die toten Menschen, die auf diesem Friedhof begraben werden, zurückkehren lässt. Wer das Buch nicht gelesen hat, könnte da unwissend zurückbleiben. Nachbar Jud erwähnt die Geschichte vom Wendigo nur ein einziges Mal, als er Louis Creed ein Buch über die Indianer zeigt. Gefreut hat es mich aber, dass Victor Pascow auch in dieser Verfilmung mehrfach auftauchte, um Louis Creed vor dem Friedhof zu warnen.

Doch die Trauer und böse Kräfte haben Louis so im Griff, dass er der Versuchung nicht widerstehen kann, nach der geglückten Wiederkehr des überfahrenen Familienkaters Church seine verunglückte Tochter auf dem Indianerfriedhof zu vergraben. Schauspieler Jason Clarke stellt dies so glaubwürdig dar, dass man sein Verhalten auch nachvollziehen kann.

Seine Frau Rachel (gespielt von Amy Seimetz) kämpft zusätzlich mit den Visionen ihrer an einer entstellenden Krankheit verstorbenen Schwester, unter der sie als Kind gelitten hat und ihre Ängste nehmen immer mehr zu. All das mündet in einem Finale, bei der Rachel von ihrer von den Toten zurückgekehrten Tochter ermordet und von dieser ebenfalls auf dem Indianerfriedhof begraben wird. Das ist ebenfalls eine Abweichung vom Buch, denn nachdem dort der kleine Gage seine Mutter ermordete, hat Louis seine Frau selbst dort beerdigt, was auch viel besser in die Geschichte passte.

Was mich am meisten geärgert hat, war dann das einige Minuten später folgende Ende, welches meiner Meinung nach leider den Film dann ruiniert und zu einer „Walking Dead-Satire“ hat werden lassen. Louis Creed kehrt zum Tierfriedhof zurück und trifft dort auf seine tote Frau und seine tote Tochter, die ihn dann ebenfalls ermorden, um ihn auf dem Indianerfriedhof zu begraben. In den letzten Filmminuten sieht man den kleinen Gage im Auto seiner Eltern sitzen und auf seine Rettung warten. Dem Auto nähern sich in Zeitlupe seine toten Eltern und Schwester Ellie, Kater Church springt auf die Motorhaube und leckt sich das Maul, während er starr auf Gage herabblickt. Dann wird der Bildschirm dunkel und man hört das Geräusch der sich öffnenden Zentralverriegelung.

Dieses Ende hätte der Film nicht nötig gehabt. Zu Hause angekommen, habe ich noch mal schnell die letzten Seiten des Buches durchgelesen und das Ende ist dort so genial, das hätte man auch so verfilmen können (wenn man Louis Creed am Leben gelassen hätte).

Hier die letzten Sätze der englischen Version (Quelle: Epilogue von „Pet Sematary“, Kindle Version von Hodder & Stoughton Ltd., 1988):

He was just dealing a fresh hand when he heard the back door open.

What you buy is what you own, and sooner or later what you own will come back to you, Louis Creed thought.

He did not turn around but only looked at his cards as the slow, gritting footsteps approached. He saw the Queen of Spades. He put his hand on it.

The steps ended directly behind him.

Silence.

A cold hand fell on Louis’s shoulder. Rachel’s voice was grating, full of dirt.

‚Darling‘, it said.

Als ich damals diese letzten Sätze gelesen habe, habe ich mich so gegruselt und genauso hätte ich mir das auch im Film gewünscht. Einfach ein geniales Ende! Schade, schade, dass es so abgewandelt wurde und dadurch auch an Atmosphäre verloren hat.

Habt ihr den Film auch gesehen? Schreibt uns gern in die Kommentare, wie ihr ihn fandet.

Liebe Grüße, Susanne und Uta

 

Text und Fotos (Cinemaxx Dresden): Susanne Sommerfeld

Buchmesse Leipzig – Mein Fazit

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Liebe Leserinnen und Leser,

nach einem Jahr Vorfreude liegen die drei Tage Buchmesse Leipzig schon wieder hinter mir. Zugegeben anstrengende Tage, aber das war ja zu erwarten. Ich war ein Buchmessen-Neuling und habe mir aus diesem Grund auch diese drei Tage gegönnt, um mich besser orientieren zu können.

Am Freitag ging es mit dem IC nach Leipzig, von Dresden aus nur 1 Stunde Fahrt. Es war eine entspannte Reise dank Sitzplatzreservierung und etwas weniger Fahrgästen als erwartet. Dann habe ich einen kurzen Abstecher zum Hotel gemacht, um mein Gepäck loszuwerden und dann sofort mit der Straßenbahn weiter. Ich gebe zu, ich war sehr aufgeregt vor lauter Vorfreude. Und dann stand ich endlich vor der Glashalle des Messegeländes.

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Zum Glück hatte ich einen Hallenplan und mir vorab auch einige Veranstaltungen aufgeschrieben, die ich möglichst alle besuchen wollte. Vorrangig habe ich mich für Vorträge zum Thema Selfpublishing und Bloggen entschieden, aber es war auch immer genügend Zeit zum Bummeln und Umschauen. Besonders am Sonntag habe ich die restliche Zeit genutzt, um in Ruhe allen Hallen noch einen Besuch abzustatten.

Zwei Lesungen habe ich besucht: Denis Scheck – bekannt aus der Sendung „Druckfrisch“ mit seinen neuesten Buchvorstellungen rund um die Belletristik und Anke Wogersien mit ihrem neuesten Roman „Sie zielen auf mein Herz, damit ich falle“. Ich kannte die Autorin vorher nicht, aber da es in diesem Buch um Wölfe in Deutschland geht, kam ich daran nicht vorbei. Das Buch musste natürlich dann mit in den Rucksack. Und auch Herr Scheck hat dafür gesorgt, dass einige Wunschbücher auf meine Liste wandern.

Außerdem habe ich auch Stände von Illustratoren und Zeichenkünstlern besucht. Besonders toll fand ich den Stand von Sergey Yakushew. Dort habe ich viele lustige Postkarten und ein T-Shirt (natürlich mit Katzenaufdruck) mitgenommen. Hier könnt ihr mal schauen, was der Künstler so zeichnet: Sergey Yakushev.

Was das Thema Bloggen und Recht angeht, habe ich bei einem Vortrag eines Rechtsanwalts auch einiges dazugelernt. Sein Fazit zum Thema Bloggen: wenn man sich unsicher ist, lieber weglassen. Das gilt vor allem für Bilder etc. Auch ein Anwalt kann angesichts der DSGVO verzweifeln und auch er selbst war nicht vor Abmahnungen gefeit. Ob einen das jetzt aber beruhigen soll?

Ich arbeite ja gerade an meinem nächsten Roman und habe mich daher auch viel im Bereich Selfpublishing aufgehalten und mir einige Anbieter näher angeschaut bzw. Alternativen zum reinen Amazon-Selfpublishing gesucht (und wohl auch gefunden).

Am Samstagabend war ich dann bei der Lesung von Ines Gillmeister, die aus ihrem Buch „Rock den Himmel, mein Held“ vorgelesen hat. Wer ihren bewegenden Blog rund um ihren im vorigen Jahr leider an einem Multiplen Myelom verstorbenen Mann Simon noch nicht kennt, kann sich hier informieren: Blog Ines Gillmeister. Nach der Lesung saß Ines mit einigen Gästen (inklusive mir) noch eine ganze Weile zusammen und wir haben über Simon, ihre Kinder, ihr Buch und auch ganz andere Sachen gesprochen. Ich bin froh, dass ich Ines mal persönlich kennenlernen durfte. Das Internet muss nicht immer unpersönlich sein.

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Mir hat es auf der Messe sehr gut gefallen und ich werde sicher nächstes oder übernächstes Jahr wieder hinfahren, dann aber wohl mal nur einen Tag. Von Dresden aus ist das auch gut machbar.

Wart ihr auch auf der Leipziger Buchmesse? Schreibt mir doch, wie es euch gefallen habt und ob ihr nächstes Jahr auch wieder dabei seid.

Liebe Grüße und ein schönes Frühlingswochenende, Susanne

 

Text und Fotos: Susanne Sommerfeld

Noch 5 Tage: Buchmesse in Leipzig

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Photo by Mikes Photos on Pexels.com

Liebe Leserinnen und Leser,

obwohl ich Bücher verschlinge, seit ich das Lesen erlernt habe und mich seit ein paar Jahren dem Schreiben widme, ist es dieses Jahr das erste Mal, dass ich die Leipziger Buchmesse besuchen werde.

Ich bin schon ganz aufgeregt und habe mir einen groben Plan zurechtgelegt. Vor allem interessieren mich Themen des Selfpublishings, also der Selbstverlegung, aber ich möchte auch die ein oder andere Lesung besuchen und einfach auch mal so über das Messegelände gehen und mich umschauen.

Vor über einem Jahr habe ich bereits mein Hotelzimmer gebucht, da ich die Messe von Freitag bis Sonntag besuchen möchte. Das umfangreiche Angebot an nur einem Tag aufzunehmen, wäre mir persönlich zu stressig. Daher habe ich mich entschieden, drei Tage vor Ort zu sein und mir das aus dem Programm rauszupicken, was mich am meisten interessiert.

Respekt habe ich jetzt schon vor den großen Menschenansammlungen vor Ort und bin gespannt, wie ich das verkrafte. Normalerweise bin ich nirgendwo zu finden, wo zu viele Menschen sind, aber das lässt sich nun mal bei einer Messe nicht vermeiden.

Seid ihr auch auf der Buchmesse und was ist euer Anreiz, diese Messe zu besuchen?

Liebe Grüße und kommt gut in die neue Woche,

Susanne Sommerfeld

Story Cubes

Liebe Leserinnen und Leser,

kennt ihr diese Würfel, die sogenannten Story Cubes? Vor ein paar Tagen stand ich im Drogeriemarkt vor einem Regal und da fiel mir so eine kleine Schachtel ins Auge. Story Cubes las ich und dachte: Das könnte was für mich sein! Nach kurzer Überlegung habe ich die Schachtel mitgenommen. Mittlerweile sind zum Anfängerset mit 9 Würfeln (orange) noch die Story Cubes Actions (blau, 9 Würfel), Fantasia (pink, 9 Würfel) und Animals (grün, 3 Würfel) dazugekommen.

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Prinzip der Würfel ist es, seine Kreativität zu steigern. Man kann alle 9 Würfel einer Serie nutzen oder auch weniger, man kann die Würfel mehrerer Sets kombinieren und dann soll man sich aus den gewürfelten Symbolen eine Geschichte ausdenken. Man kann dies allein tun, aber natürlich auch in geselliger Runde oder mit Kindern.

Hier gibt es noch ein paar Infos zu den Würfeln: Story Cubes.

Erzählt mir doch mal, was ihr von der Idee haltet, damit Schreibübungen durchzuführen. Vielleicht habt ihr die Würfel ja auch selbst schon verwendet.

Hier mein erster Versuch mit dem Starterset:

Gehstock – Sternschnuppe – Flugzeug – Feuer – Baum – Uhr – Schlüsselloch – Käfer – Zauberstab

Langsam ließ sich der alte Mann auf die Bank sinken und legte seinen Stock beiseite. Sein Blick fiel auf den Baum, dem er seit vielen Jahren täglich einen Besuch abstattete. Eine alte Eiche war es und sie stand schon seit mindestens hundert Jahren an dieser Stelle. Sie hatte während dieser ganzen langen Zeit vielen Dingen getrotzt: Dürreperioden, Gewitter, Stürme, dem Waldbrand vor zwanzig Jahren. Der Baum ist genauso stur wie ich, dachte der Mann und lachte. Er hörte ein brummendes Geräusch und blickte in den Himmel. Weit oben zog ein Flugzeug einen weißen Streifen hinter sich her. Wohin es wohl fliegen mochte? Früher war er oft gereist, aber nun war er zu gebrechlich für solche Anstrengungen. Wenn doch nur eine Fee erscheinen und ihm mit ihrem Zauberstab drei Wünsche schenken würde. Dann würde er sich zum Beispiel wünschen, noch einmal jung zu sein. Er hatte ein gutes Leben gelebt und trotzdem kam es ihm so vor, als wäre alles viel zu schnell gegangen. Die Zeiger der Uhr drehten sich erbarmungslos weiter. Als Kind hatte er hier an der Eiche nach Käfern gesucht, um sie in sein Terrarium zu setzen. Als Jugendlicher hatte er mit einem Mädchen unter dem Baum gesessen. Die ganze Nacht hatten sie hier verbracht und nach Sternschnuppen Ausschau gehalten. Diese Erinnerungen waren für ihn, als ob er durch ein Schlüsselloch in seine Vergangenheit schauen würde. Es begann an der Eiche und vielleicht würde es auch hier an der Eiche enden.

 

Liebe Grüße, Susanne

 

Text und Foto: Susanne Sommerfeld

Niemand mag dich – Kurzgeschichte

Niemand mag dich

Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und starre auf das Wartehäuschen. Das darf nicht wahr sein, oder? Würde es etwas nützen, wenn ich die Augen schließe? Doch als ich sie wieder öffne, ist es noch immer da. Obwohl der Bus jeden Moment kommen wird, kann ich mich nicht vom Fleck rühren. Es ist wie in einem dieser verflixten Träume. Man hat es eilig und kommt nicht voran.

Die Menschen, die sich mittlerweile vor dem Wartehäuschen eingefunden haben, kenne ich alle. Es sind immer dieselben. Einige fahren zur Arbeit, andere zur Schule. Auch die alte Frau Lehmann steht wieder da, mit ihrer großen Handtasche, die sie fest an ihren Körper drückt. Sie wird zunehmend verwirrter und lebt in einer anderen Welt, meistens in ihrer Vergangenheit. Daher wähnt sich Frau Lehmann auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der Textilfabrik. Die gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber ihr Sohn lässt sie jeden Morgen mit dem Bus in die Stadt fahren und holt sie dann mit dem Auto wieder ab. Ich weiß das alles, weil ich mich im Bus immer neben Frau Lehmann setze. Sie ist freundlich zu mir, im Gegensatz zu den vier Jungen da drüben, die auf dieselbe Schule gehen wie ich. Jetzt haben sie mich gesehen. Einer von ihnen zeigt mit dem Finger auf mich. Die anderen beginnen zu kichern und zu tuscheln. Langsam trete ich den Rückzug an.

„Hey, Larissa. Hast du es schon gelesen?“

Wie hätte ich das übersehen können? Die großen Buchstaben springen mir fast entgegen. Die Jungen grölen. Dann kommt endlich der Bus und verschluckt sie. Der Fahrer hupt ein Mal, aber ich ignoriere ihn. Stattdessen laufe ich in die entgegengesetzte Richtung. Endlich Ruhe! Die ersten Regentropfen fallen auf meine Brillengläser. Dann werden es immer mehr, bis es schließlich in Strömen gießt. Nach wenigen Minuten bin ich nass bis auf die Haut. Doch das kümmert mich nicht.

Niemand mag dich, Larissa!

Wieder und wieder schießt mir der Satz durch den Kopf, den bestimmt einer dieser fiesen Typen riesengroß an die Scheibe des Wartehäuschens geschmiert hat.

Wo soll ich jetzt nur hin? In die Schule gehe ich definitiv nicht. Das Schulhaus wird bis zur nächsten großen Pause abgeschlossen und außerdem habe ich kein Bedürfnis, diesen Mistkerlen heute noch einmal über den Weg zu laufen. Nach Hause will ich auch nicht. Meine Eltern sind bereits zur Arbeit gefahren. Aber meine Oma ist daheim. Ich hätte ihr zwar auftischen können, dass ich mich nicht gut fühle, aber ich habe keine Lust auf ihre Fragen. Warum wohnen wir auch in so einem Kaff? In der Stadt hätte ich die Zeit bis Schulschluss in einem Einkaufszentrum totschlagen können.

Ich nehme es meinen Eltern immer noch übel, dass sie mich vor zwei Jahren in dieses abgelegene Dorf verschleppt haben. Ich mag meine Oma wirklich und ich weiß auch, dass sie Hilfe im Haushalt braucht. Seit Opa gestorben ist, ist sie zu viel allein. Aber ich vermisse meine beste Freundin Verena und ich vermisse die Stadt. Seit ich hier bin, habe ich noch kein Mädchen gefunden, mit dem ich befreundet hätte sein wollen. Oder ist es umgedreht? An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Aussätzige, die von allen gemieden wird. Dabei habe ich doch überhaupt nichts falsch gemacht. Das zumindest sagen meine Eltern mir immer wieder, wenn ich tränenüberströmt in meinem Zimmer hocke und mich einsam fühle. Das wird schon noch, lautet ihr wenig hilfreicher Trostversuch. Was soll denn nach zwei Jahren noch werden?

In meiner Klasse gibt es nur fünf Mädchen, aber sie sind allesamt alberne Gänse, die sich für nichts weiter als ihre Handys und die neuesten Kleidungstrends interessieren. Youtube, Facebook, Shoppen, das sind ihre Themen. Und dann ihr nerviges Gekicher. Das ist einfach nichts für mich. Ich bin ein Bücherwurm und kann mich stundenlang in fantastischen Geschichten verlieren. Als ich ihnen gegenüber anfangs erwähnte, dass ich Harry Potter mag, erntete ich nur ungläubige Blicke und missbilligendes Kopfschütteln. Also verhalte ich mich ruhig und setze mich auch in der Mittagspause abseits. Ich habe immer ein Buch dabei. Dann fühle ich mich nicht so allein. Nur die Nachmittage zu Hause ziehen sich oft hin. Mit Verena bin ich stundenlang unterwegs gewesen, aber das macht hier keinen Spaß.

Ich ziehe den Ärmel meiner Jacke hoch und betrachte die Linien. Manche davon sind bereits verblasst, einige rot und entzündet. Vorsichtig kratze ich daran. Ich höre erst auf, als Blut fließt. Der Schmerz bringt Erleichterung und vertreibt die unangenehmen Gedanken.

„Weißt du, wer das war?“

Ich zucke zusammen und drehe mich um. Da steht ein Mädchen. Sie ist etwa in meinem Alter und lächelt mich an. Dann streicht sie sich die nassen langen Haare hinter die Ohren. Ich habe sie noch nie gesehen, weder hier im Ort noch in der Schule.

„Ich habe sie beobachtet gestern Nacht, als sie die Scheibe beschmiert haben. Es waren die vier, die in den Bus gestiegen sind. Kennst du die?“

Vorsichtig nicke ich. Gleichzeitig drehen sich die Gedanken in meinem Kopf wie in einem Kettenkarussell. Wer ist das Mädchen und warum war sie gestern Nacht hier draußen?

„Mach dir nicht so viele Gedanken, Larissa. Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“

Das Mädchen fasst nach meiner Hand und zieht mich mit sich. Ich will nicht mit ihr gehen und trotzdem folge ich ihr völlig willenlos in den Wald, der gleich am Ortsrand beginnt. Normalerweise mag ich den Wald, aber auf einmal macht er mir Angst. Längst haben wir den Waldweg verlassen und ich stolpere hinter dem Mädchen durch das Unterholz. Was hat sie vor mit mir?

Plötzlich bleibt sie stehen. Ich folge ihrem Blick, der starr nach vorn gerichtet ist. Wir sind an den Bahngleisen angekommen.

„Was wollen wir hier?“, frage ich sie, doch sie antwortet nicht. Immer noch ist sie wie versteinert. Ich betrachte sie genauer. Sie kommt mir vage bekannt vor, aber ich hätte nicht sagen können, wer sie ist. Ihre Haare haben diese nichtssagende Farbe, die ich auch an mir hasse, kein Blond, aber auch kein Kastanienbraun. Straßenköterblond hat Verena das mal genannt. Sie ist nicht sonderlich hübsch, eher ein Durchschnittstyp, wie ich. Trotzdem ist mir so, als hätte ich ihr Gesicht schon einmal irgendwo gesehen. Ihre Kleidung ist voller Flecken, deren rostrote Farbe mich an geronnenes Blut erinnert.

„Hier ist es damals passiert“, flüstert sie und zeigt mit dem Finger auf die Bahngleise.

Irgendetwas an ihrem Tonfall lässt mich eine Gänsehaut bekommen.

„Was meinst du?“, flüstere ich ebenfalls. Ich weiß zwar nicht, warum wir so leise sprechen, denn es ist niemand außer uns hier, aber es käme mir auch falsch vor, laut zu reden.

Doch sie antwortet wieder nicht. Stumme Tränen laufen ihr über die Wangen. Ich hebe meine Hand, um sie wegzuwischen, aber sie weicht zurück.

„Ich will dir nichts tun. Wie heißt du eigentlich? Du hast mir noch gar nicht deinen Namen gesagt.“

„Anja Tischer.“

Bei diesem Namen klingelt etwas in meinem Kopf. Wo hatte ich den schon mal gehört? Anja fasst nach meiner Hand und ich merke erst jetzt, wie kalt ihre Finger sind. Sie zieht mich etwas näher an die Gleise heran. Von weitem höre ich einen Zug kommen. Ich blicke nach rechts und jetzt kann ich ihn auch sehen. Er ist noch etliche Hundert Meter entfernt, aber ich fühle mich nicht wohl so nah an den Gleisen. Doch Anja zieht mich weiter.

„Hey, was hast du vor? Bleib stehen.“

Ich reiße mich von ihr los.

„Bist du verrückt? Willst du uns umbringen?“

„Hier ist es passiert. Vor ungefähr zwei Jahren. Erinnerst du dich an die Nachrichten?“

Der Zug rast an uns vorbei. Ein kurzes lautes Rauschen, dann ist es wieder still. Ich versuche, zu verstehen, was mir Anja erzählt hat und da fällt es mir plötzlich ein. Ich hatte es im Dorfladen gehört. Jetzt konnte ich die Frauen vor mir sehen, als sie von dem armen Mädchen geredet hatten, dass sich vor lauter Verzweiflung vor den Zug geworfen hatte. Sie war von ihren Klassenkameraden gemobbt worden. Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten und sich umgebracht. Hieß sie nicht Tischer, Anja Tischer? Aber das kann doch nicht sein! Dieses Mädchen hier ist so lebendig wie ich. Ich gehe ein paar Schritte zurück.

„Hab keine Angst, Larissa. Es geht ganz schnell. Du wirst dich frei fühlen.“

Ich schaue sie an und bemerke, dass sie fast transparent wirkt. Das ist mir vorhin nicht aufgefallen. Sehe ich schon Gespenster? Ich taste nach meiner Stirn, aber die ist eiskalt. Langsam verschwimmen Anjas Konturen, ihr Gesicht wird immer blasser, bis ich kaum noch ihre Augen, die Nase oder den Mund erkenne. Sie nähert sich mir, streckt den Arm nach mir aus.

Ihre Worte klingen so undeutlich, als hätte sie Murmeln im Mund: „Der nächste Zug kommt bald. Gib mir deine Hand.“

Ich gehe noch ein paar Schritte rückwärts. Ein Ast liegt im Weg und ich stürze.

„Verschwinde! Verschwinde und lass mich in Ruhe! Ich will nicht sterben! Ich will leben!“

Den letzten Satz schreie ich, so laut ich nur kann. Die Furcht, die mir gerade noch in den Knochen steckte, ist verflogen. Ja, ich will leben und ich werde mir helfen lassen. Die Ritzerei muss ein Ende haben. Keinesfalls möchte ich es so weit kommen lassen wie Anja.

Wo ist sie überhaupt? Ich rappele mich vom Boden auf und drehe mich eine Runde um mich selbst. Sie ist verschwunden.

Ich sitze in meinem Zimmer vor dem Computer und starre auf die Facebook-Seite von Familie Tischer. Ihre Tochter war so alt wie ich, als sie das Mobbing ihrer Mitschüler nicht mehr aushielt und sich umbrachte. Ich blicke auf das Foto eines lächelnden Mädchens mit straßenköterblonden Haaren.

Dann öffne ich die Schublade des Nachtschränkchens und greife nach der Rasierklinge. Ich lege sie auf meine Handfläche und betrachte das metallene Ding, das seit einem Jahr meinen Alltag bestimmt. Ich will leben!, geht es mir durch den Kopf. Dann lege ich die Rasierklinge wieder zurück. Heute bin ich stark, heute schaffe ich es ohne die Klinge.

Am nächsten Morgen gehe ich mit einem Grummeln im Bauch zur Bushaltestelle. Als ich auf die Scheibe des Wartehäuschens schaue, traue ich meinen Augen kaum. Die schrecklichen Worte sind weg. Frau Lehmann drückt ihrem Sohn gerade einen Schwamm in die Hand und nickt mir freundlich zu.

Text und Foto: Susanne Sommerfeld